ZINS-SWAPS

BGH: BERATENDE BANK MUSS BEI ABSCHLUSS EINES ZINSSATZ-SWAP-VERTRAGES AUF DEN NEGATIVEN MARKTWERT HINWEISEN

BGH-XI ZR 33-10 – CMS Spread Ladder Swap

Der BGH hat entschieden, dass die beklagte Bank der Klägerin – einem mittelständischen Unternehmen – schadensersatzpflichtig ist, weil sie ihre Pflichten bei der Beratung über den Abschluss eines von ihr konstruierten Zinssatz-Swap-Vertrages (CMS Spread Ladder Swap-Vertrag) verletzt hat, in dem sie nicht auf den zum Abschlusszeitpunkt für die Klägerin negativen Marktwert des Vertrages hingewiesen hat.

In zwei Beratungsgesprächen am 7. Januar und 15. Februar 2005 empfahl die Beklagte, die davon ausging, dass sich die Differenz (Spread) zwischen dem Zwei-Jahres-Zinssatz und dem Zehn-Jahres-Zinssatz künftig voraussichtlich deutlich ausweiten wird, der Klägerin den Abschluss eines CMS Spread Ladder Swap-Vertrages, den die Parteien am 16. Februar 2005 abschlossen. Danach verpflichtete sich die Beklagte, an die Klägerin aus einem Bezugsbetrag von 2.000.000 € für die Laufzeit von fünf Jahren halbjährlich Zinszahlungen in Höhe eines festen Zinssatzes von 3% p.a. zu erbringen, wohingegen sich die Klägerin verpflichtete, zu denselben Zeitpunkten aus der Bezugssumme im ersten Jahr Zinsen in Höhe von 1,5% p.a. an die Beklagte zu zahlen und danach einen variablen Zinssatz, der mindestens bei 0,0% liegt und sich abhängig von der Entwicklung des “Spreads” zwischen dem 10- und 2-Jahres-Swap-Mittelsatz auf EURIBOR-Basis (CMS10 – CMS 2) nach der Formel “Zinssatz der Vorperiode + 3 x [Strike – (CMS10 – CMS 2)]” berechnet.

Die Höhe des “Strike” lag anfänglich bei 1,0% und sank über die Vertragslaufzeit stufenweise auf 0,85%, 0,70% und 0,55% ab. Nach dem am selben Tag zwischen den Parteien geschlossenen Rahmenvertrag für Finanztermingeschäfte wurde die Saldierung der wechselseitigen Zinszahlungen vereinbart, so dass nur die Partei, die zu den jeweiligen Fälligkeitsterminen den höheren Betrag schuldete, die Differenz zwischen den geschuldeten Beträgen zu zahlen hatte. Eine einseitige Vertragsbeendigung war ohne Vorliegen eines wichtigen Grundes für beide Parteien erstmals nach dreijähriger Laufzeit und nur gegen Ausgleichszahlung in Höhe des aktuellen Marktwertes des Vertrages möglich. In den beim Beratungsgespräch verwendeten Präsentationsunterlagen hatte die Beklagte die Klägerin hinsichtlich der “Risiken” unter anderem darauf hingewiesen, dass die Klägerin dann, wenn die Zinsdifferenz stark absinkt, höhere Zinszahlungen zu leisten hat als sie empfängt. Das Verlustrisiko der Klägerin bezeichnete die Beklagte als “theoretisch unbegrenzt”. Zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses hatte der CMS Spread Ladder Swap-Vertrag einen von der Beklagten bewusst einstrukturierten negativen Marktwert in Höhe von ca. 4% der Bezugssumme (ca. 80.000 €), worauf die Beklagte die Klägerin nicht hinwies.

Ab Herbst 2005 nahm die für die Berechnung der Zinszahlungspflicht der Klägerin relevante Zinsdifferenz – entgegen der Prognose der Beklagten – fortlaufend ab, so dass sich der Vertrag nach Ablauf des ersten Geschäftsjahres für die Klägerin als Verlustgeschäft erwies. Am 26. Januar 2007 wurde das Swapgeschäft gegen Zahlung eines Ausgleichsbetrages durch die Klägerin in Höhe des aktuellen negativen Marktwertes von 566.850 € aufgelöst. Die – unter Anrechnung erhaltener Zinszahlungen – im Wesentlichen auf Rückzahlung von 541.074 € nebst Zinsen gerichtete Klage hatte in beiden Vorinstanzen keinen Erfolg.
Der Bundesgerichtshof hat hiervon abweichend entschieden, dass die Beklagte ihre Beratungspflichten verletzt hat, und dem Zahlungsantrag stattgegeben.

Nach den bisherigen Feststellungen war nicht abschließend zu klären, ob die Beklagte ihrer Pflicht zu einer anlegergerechten Beratung der Klägerin nachgekommen ist. Eine Bank muss bei der Anlageberatung vor Abgabe der Empfehlung die Risikobereitschaft des Anlegers erfragen, es sei denn, diese ist ihr aus einer langjährigen Geschäftsbeziehung oder dem bisherigen Anlageverhalten ihres Kunden bereits bekannt. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts entfiel eine dahingehende Erkundigungspflicht der Beklagten nicht allein deshalb, weil an der Beratung auf Seiten der Klägerin deren Prokuristin – eine Diplom-Volkswirtin – teilgenommen hat. Diese berufliche Qualifikation lässt für sich allein weder den Schluss zu, der Anleger habe Kenntnisse über die spezifischen Risiken eines CMS Spread Ladder Swap-Vertrages, noch kann aus etwaig vorhandenen Vorkenntnissen des Kunden allein auf dessen Risikobereitschaft geschlossen werden.

Einer Zurückverweisung an das Berufungsgericht zur Klärung der noch offenen Risikobereitschaft der Klägerin bedurfte es indessen nicht, weil aus anderen Gründen bereits feststand, dass die Beklagte ihre Beratungspflichten verletzt hat. Bei einem so hochkomplex strukturierten und riskanten Produkt wie dem CMS Spread Ladder Swap-Vertrag sind hinsichtlich der Risikodarstellung des Anlageprodukts hohe Anforderungen an die beratende Bank zu stellen. Dem Kunden muss in verständlicher und nicht verharmlosender Art und Weise insbesondere klar vor Augen geführt werden, dass das für ihn nach oben nicht begrenzte Verlustrisiko nicht nur ein “theoretisches” ist, sondern abhängig von der Entwicklung des “Spreads” real und ruinös sein kann, wohingegen die ihn beratende Bank – abgesehen von den “Hedge-Geschäften” – ihr Verlustrisiko von vornherein eng begrenzt, weil sich durch die Kappung der variablen Zinsen bei 0% keine “negative Zinszahlungspflicht” des Kunden errechnen kann, die die auf 3% p.a. festgeschriebene Zahlungspflicht der Bank erhöhen könnte. Die Aufklärung, die in ihrer Intensität von den Umständen des Einzelfalls abhängt, muss bei einem so hochkomplexen Produkt gewährleisten, dass der Kunde im Hinblick auf das Risiko des Geschäfts im Wesentlichen den gleichen Kenntnis- und Wissensstand hat wie die ihn beratende Bank, weil ihm nur so eine eigenverantwortliche Entscheidung möglich ist, ob er die ihm angebotene Zinswette annehmen will.

Ob die Beklagte diesen hohen Anforderungen an die Darstellung der Risiken des CMS Spread Ladder Swap-Vertrages gerecht geworden ist, konnte offen bleiben, weil sie ihre Beratungspflicht bereits dadurch verletzt hat, dass sie nicht auf den zum Abschlusszeitpunkt für die Klägerin negativen Marktwert des Vertrages in Höhe von ca. 4% der Bezugssumme (ca. 80.000 €) hingewiesen hat. Der XI. Zivilsenat hat entschieden, dass die Beklagte im Rahmen der von ihr durchgeführten Anlageberatung zu einer dahingehenden Aufklärung verpflichtet gewesen wäre, weil der von ihr bewusst strukturierte negative Marktwert Ausdruck eines schwerwiegenden Interessenkonfliktes ist. Bei der in Rede stehenden Zinswette ist der Gewinn der einen Seite der spiegelbildliche Verlust der anderen Seite. Für die Beklagte als Partnerin der Zinswette erweist sich der “Tausch” (engl. swap) der Zinszahlungen nur dann als günstig, wenn ihre Prognose zur Entwicklung der Zinsdifferenz gerade nicht eintritt und die Klägerin Verlust erleidet. Als Beraterin ist die Beklagte hingegen verpflichtet, die Interessen der Klägerin zu wahren. Diesen Interessenkonflikt hat die Beklagte nicht dadurch gelöst, dass sie ihre Rolle als “Wettgegnerin” der Klägerin nicht für die vertraglich vereinbarte Laufzeit beibehalten hat, sondern ihre Risiken und Chancen des Geschäfts sofort durch “Hedge-Geschäfte” an andere Marktteilnehmer weitergegeben hat. Die weitere Entwicklung des “Spreads” über die Laufzeit des Vertrages konnte der Beklagten nur deshalb gleichgültig sein, weil sie durch diese Gegengeschäfte bereits ihre Kosten gedeckt und ihren Gewinn erzielt hat. Dies hat die Beklagte dadurch ermöglicht, dass sie die Konditionen des Swap-Vertrages bewusst so strukturiert hat, dass der Markt das Risiko, das die Klägerin übernimmt, in Höhe von ca. 4% der Bezugssumme negativ und die Chancen der Beklagten in dieser Höhe positiv bewertete, so dass sie sich diesen Vorteil durch die “Hedge-Geschäfte” abkaufen lassen konnte. Der Pflicht zur Aufklärung über den negativen Anfangswert des Vertrages steht nicht entgegen, dass eine Bank, die eigene Anlageprodukte empfiehlt, grundsätzlich nicht verpflichtet ist, darüber aufzuklären, dass sie mit diesen Produkten Gewinne erzielt. Der insofern bestehende Interessenkonflikt ist offenkundig.

Er ist jedoch dann aufklärungspflichtig, wenn – wie hier – über das reine Gewinnerzielungsinteresse hinaus besondere Umstände hinzutreten. Diese besonderen Umstände bestehen bei der Empfehlung eines CMS Spread Ladder Swap-Vertrages darin, dass die beratende Bank die Risikostruktur des Anlagegeschäfts bewusst zu Lasten des Anlegers gestaltet hat, um unmittelbar im Zusammenhang mit dem Abschluss des Vertrages das Risiko gewinnbringend verkaufen zu können, das der Kunde aufgrund ihrer Beratungsleistung übernommen hat.


ENNEPETAL ERRINGT SIEG GEGEN WESTLB

Die Stadt Ennepetal wurde von der Westdeutschen Landesbank falsch beraten und muss deswegen keine 10 Mio. € an sie zahlen.

In den Jahren 2007 und 2008 vereinbarte die klagende Stadt Ennepetal mit der mittlerweile ehemaligen Landesbank Geschäfte, bei denen auf die Zinsentwicklung von Krediten gewettet wird (sog. „Swaps“). Hierbei hatte man sich jedoch verspekuliert und hätte aktuell etwa 10 Mio. € Verlust vorzuweisen.

Dagegen wurde mit der Begründung geklagt, dass man sich schlecht beraten und nicht hinreichend auf die Risiken eines solchen Geschäftes hingewiesen fühle. Dabei unterstrich die Stadt Ennepetal deutlich, dass sie diese Geschäfte bei ordnungsgemäßer Aufklärung durch die WestLB nie abgeschlossen hätte.

Das Landgericht Düsseldorf, das diesen Rechtsstreit zu entscheiden hatte, gab der Stadt mit Urteil vom 11. Mai 2012 nun Recht.
Als Begründung wurde vorgetragen, dass der WestLB eine umfangreiche Aufklärungspflicht oblag, die diese schuldhaft verletzt hätte. Insbesondere sei keine anleger- und objektgerechte Beratung erfolgt.

Zwar ist dieses Urteil noch nicht rechtskräftigt, könnte aber besonders wegweisenden Charakter haben: Anderen Städten und Gemeinden, die ebenfalls schon die umstrittenen Swapgeschäfte getätigt haben, könnte die Entscheidung der Düsseldorfer Richter ein Signal sein und dazu animieren, sich doch auf gerichtlichem Wege zu wehren.


WESTLB HAFTET FÜR BERATUNGSFEHLER GEGENÜBER GEMEINDEN – OLG DÜSSELDORF BESTÄTIGT SCHADENERSATZANSPRUCH

 

Mit Urteil vom 07.10.2013 (Az. I-9 U 101/12) hat das Oberlandesgericht Düsseldorf entschieden, dass die WestLB bzw. ihre Rechtsnachfolgerin, die Erste Abwicklungsanstalt (EAA), zum Schadenersatz wegen kommunaler Zinsswap-Geschäfte (Zinswetten) verpflichtet ist.

 

Die Bank hätte der Gemeinde offenlegen müssen, dass nach den bankinternen Bewertungsmodellen zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses ein Verlust zu Lasten der Stadt wahrscheinlich war. Demnach hätte die Bank den negativen Marktwert des Geschäftes mitteilen müssen. Hieran war erkennbar, dass sich die Bank als Beraterin in einem gravierenden Interessengegensatz zu ihren eigenen Kunden befand.

 

Diese Grundsätze, die der BGH bereits im Jahr 2011 für die Beratung mittelständischer Unternehmen aufgestellt hatte, sind nach Auffassung des OLG Düsseldorf uneingeschränkt auf Kommunen übertragbar. Städte und Gemeinden sind nicht weniger schutzbedürftig als Privatunternehmen, da auch bei ihnen vertiefte Kenntnisse über derartige Geschäfte nicht vorausgesetzt werden können.

 

Rechtsanwalt Prof. Reiter sieht diejenigen Gemeinden bestätigt, die sich bislang bereits gegen die beratenden Banken wegen der verlustreichen Zinsswap-Geschäften gewehrt haben: „Die Schuld für die Verluste liegt meist nicht bei den Kämmerern, sondern bei den Banken. Was als Zinsoptimierung angepriesen wurde, waren häufig undurchschaubare Finanzkonstruktionen, bei denen nur die Bank einen sicheren Gewinn einfuhr. Kommunen, die auf der Basis des neuen Urteils nun Schadenersatz geltend machen wollen, müssen allerdings Verjährungsfristen beachten, die u.a. vom Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses abhängen.“