GERHART BAUM IM STERN ZU GERMANWINGS

Bild2-Kopie1200x537-1024x458

„Geld ist eine wichtige Geste“

Gerhart Baum im Interview im Stern vom 09.04.2015

Gerhart Baum vertritt die Angehörigen der Opfer des Germanwings Absturzes

Welche Entschädigung können die Hinterbliebenen der Germanwings Katastrophe erwarten?

Gerhart Baum: „Vor allem erwarte ich eine schnelle Einigung und keinen Streit, der die Menschen noch zusätzlich belasten würde. Alle bezifferbaren Schäden müssen ausgeglichen werden. Dazu gehören die finanziellen Lasten und Ausfälle, alle Vermögensschäden, etwa Unterhaltsansprüche bis zur Berufsreife der Kinder. Natürlich die Therapien bei Ärzten und Psychologen, und zwar auch die zukünftigen. Und es geht, das ist wichtig, um Schmerzensgeld für körperliche und seelische Belastungen.“

Wer hat Anspruch auf Entschädigung?

Gerhart Baum: „Wir sprechen jetzt von dem seelischen Schmerz, den der Verlust eines Angehörigen auslöst, und von dem Schmerz, den die Getöteten kurz vor ihrem Tode erlitten haben, also der Todesangst. Dieser Schmerz geht juristisch auf die Erben über. In Deutschland wird das Schmerzensgeld im europäischen Vergleich gering bemessen, und auch der Kreis der Berechtigten ist begrenzt. Nach französischem Recht wird das weitere Umfeld der Familie berücksichtigt, wie etwa die Großeltern, Nichten, Neffen.“

Wieso ist das Schmerzensgeld im europäischen Vergleich bei uns so gering?

Gerhart Baum: „Der Gesetzgeber traut sich nicht. Man befürchtet, amerikanische Verhältnisse zu importieren. Frankreich ist aber das beste Gegenbeispiel. Immer wieder ist von deutschen Richtern zu hören, Schmerz könne man nicht in Geld aufwiegen. Wer das wolle, handle unmoralisch.   Ich sage: Schmerzensgeld ist auch eine wichtige Geste desjenigen, der verantwortlich ist. Seit Jahren fordern deutsche Juristen eine umfassende Regelung für ein „Angehörigenschmerzensgeld „. Ein Umdenken hin zu international geltenden Standards ist in Deutschland überfällig.“

Was erwarten Sie im Falle von Germanwings?

Gerhart Baum: „Für eine gütliche Einigung mit der Lufthansa ist Schmerzensgeld die Schlüsselfrage. Es gibt besondere Umstände: Der Todespilot war Mitarbeiter der Lufthansa. Die Aufsichtspflicht ist möglicherweise nicht optimal wahrgenommen worden. Das alles sollte das Unternehmen veranlassen, den Schmerzensgeldanspruch hoch anzusetzen. Das gilt für alle, aber in besonderer Weise für die Angehörigen der getöteten Schüler.“

Die Muttergesellschaft Lufthansa zahlt den Angehörigen 50000 Euro Soforthilfe. Wie beurteilen Sie das?

Gerhart Baum: „Das ist ein Vorschuss auf die Entschädigung, ja. Nach dem Montrealer Übereinkommen für den Luftverkehr hätte Lufthansa nur rund 21 000 Euro Überbrückungshilfe innerhalb der ersten beiden Wochen nach dem Unglück zahlen müssen.“

Wann werden die Betroffenen des Germanwings Absturzes über ihre Entschädigung informiert?

Gerhart Baum: „Ich gehe von wenigen Monaten aus. Hier muss eine große renommierte Fluggesellschaft unter Beweis stellen, dass sie unbürokratisch und fair handelt. So hat sie es angekündigt.“

Sehen sie sich aktuell eher als Psychologe für die Angehörigen der Germanwings Katastrophe?

Gerhart Baum: „Eindeutig. Dies ist kein normaler Rechtsfall. Es ist eine menschliche Katastrophe. Erst einmal ist wichtig, dass man den Leuten zuhört, sie ernst nimmt und sich ihnen und ihrer dramatisch veränderten Situation wirklich widmet.“

 

 

Quelle: Stern vom 09.04.2015

Das Interview führte Annette Lache